DER MYTHOS
Waren die Katakomben geheime Verstecke? Nein.
Die hartnäckige Geschichte, dass sich Christen unter der Erde versteckten, um Rom zu entkommen – und was die Katakomben wirklich waren.
Katakomben-Führungen auf GetYourGuide ansehen ↗Die Geschichte, die Sie wahrscheinlich gehört haben
Es ist eine der am häufigsten wiederholten Vorstellungen über das frühe Christentum: dass verfolgte Christen in die Katakomben flohen, um sich vor den Römern zu verstecken, und dort bei Kerzenlicht geheime Gottesdienste zwischen den Gräbern feierten. Ein lebendiges Bild, das in Romanen und Filmen auftaucht – und fast vollständig falsch ist. Die Realität ist stiller und auf ihre Weise interessanter – und wer sie richtig versteht, betritt den Ort mit völlig anderen Augen.
Warum die Toten außerhalb der Stadtmauern begraben wurden
Der entscheidende Punkt ist eine Frage des römischen Rechts, nicht der Heimlichkeit. Bereits die Zwölftafelgesetze aus der Zeit um 450 v. Chr. schrieben vor, dass Tote außerhalb der Stadtmauern zu bestatten seien – „extra muros“. Das galt für alle: Heiden, Juden und Christen gleichermaßen begruben ihre Toten jenseits der Mauern – weshalb die Ausfallstraßen Roms, allen voran die Via Appia, von Gräbern gesäumt sind. Die christlichen Katakomben sind schlicht die christliche Variante einer allgemeinen römischen Praxis: Gemeinschaftsfriedhöfe, angelegt dort, wo das Gesetz die Bestattungen vorschrieb.
Legal, registriert und bekannt
Weit davon entfernt, geheim zu sein, waren die Katakomben legal, organisiert und den Behörden bekannt. Der Kallistus-Komplex wurde zum offiziellen Friedhof der Kirche von Rom, verwaltet von einem eigens dafür bestellten Diakon – eine durchaus öffentliche Angelegenheit. Gemeinden bündelten ihre Mittel, um die Gänge zu graben und zu unterhalten; Familien kauften Nischen; die Anlagen wurden verwaltet. Ein geheimes Versteck hat keinen Verwalter und keinen Namen in den Akten. Ein Friedhof schon.
Warum unter der Erde – und warum Bestattung
Zwei Dinge erklären die Katakomben. Erstens: Platz und Geologie. Land nahe Rom war teuer, und der weiche vulkanische Tuffstein ließ sich leicht graben und war stabil genug für Tunnel – so konnte eine Gemeinschaft auf Ebene um Ebene eine große Zahl von Toten auf kleiner Fläche bestatten. Zweitens: der Glaube. Christen bevorzugten die Bestattung gegenüber der bei Römern üblichen Einäscherung, weil sie an die Auferstehung des Leibes glaubten – sie wollten ihre Toten unversehrt der Erde anvertrauen. Die Katakomben sind der sichtbare Ausdruck dieser Hoffnung, kein Bunker.
Was das für Ihren Besuch bedeutet
Wer die Wahrheit kennt, erlebt das Ganze neu. Sie besuchen kein Versteck, in dem verängstigte Menschen kauerten; Sie besuchen einen Friedhof, auf dem eine Gemeinschaft ihre Toten mit Sorgfalt, Würde und Zuversicht bestattete – und ihre Gräber mit der frühesten christlichen Kunst schmückte. Deshalb zählt die Art des Besuchs: ruhig, respektvoll, ohne Eile. Die Katakomben berühren gerade deshalb, weil sie so menschlich und so alltäglich sind: ein Volk, das seine Lieben in Hoffnung unter dem Boden einer römischen Straße bettet.